bwp@ Spezial 17 - Mai 2020

Zukunftsdiskurse - berufs- und wirtschaftspädagogische Reflexionen eines Modells für eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialordnung

Hrsg.: Andreas Slopinski, Meike Panschar, Florian Berding & Karin Rebmann

Editorial

Beitrag von Andreas Slopinski, Meike Panschar, Florian Berding & Karin Rebmann

Editorial zu bwp@ Spezial 17:
Zukunftsdiskurse – berufs- und wirtschaftspädagogische Reflexionen eines Modells für eine nachhaltige Wirtschaftsordnung

1 Das Projekt „Zukunftsdiskurse: Nachhaltiges Wirtschaften zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung“

Mitte 2017 veröffentliche das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur erstmals die Ausschreibung „Zukunftsdiskurse“. Sie richtet sich an Arbeitsgruppen und Fachgebiete aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in Niedersachsen und wird mittlerweile jährlich neu aufgelegt (vgl. Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur 2020). Als Prinzipien der Ausschreibung „Zukunftsdiskurse“ gelten erstens die inhaltliche Offenheit der Projekte. Sie sollen sich zwar an den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts orientieren, ob nun aber Fragen der Digitalisierung, der Europäischen Entwicklung oder der Nachhaltigkeit adressiert werden, bleibt den Personen überlassen, die sich um eine Förderung ihrer Projektideen bewerben. Das zweite Prinzip besteht in der Öffnung der Hochschulen, an denen die Projekte durchgeführt werden. Hiermit ist vor allem gemeint, dass die Zukunftsdiskurse z. B. im Rahmen wissenschaftlicher Tagungen erörtert werden und auch die breite Öffentlichkeit adressiert und hinzugezogen wird.

Als die Ausschreibung „Zukunftsdiskurse“ 2017 erstmals veröffentlicht wurde, bearbeitete das Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg in Kooperation mit der Professur für Berufs- und Arbeitspädagogik der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg gerade den Modellversuch „Innovationsprojekte und Innovationskompetenz für eine nachhaltige Entwicklung“. Leitende Frage dieses vom Bundesinstitut für Berufsbildung aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Modellversuch war es, wie eine nachhaltige Wirtschaftsweise in kleinen und mittleren Unternehmen des stationären Einzelhandels gelingen kann und wie hierfür erforderliche Kompetenzen identifiziert und befördert werden können (vgl. Berding et al. 2017, 2018, Slopinski et al. 2017). Im Rahmen der transdisziplinären und gestaltungsorientierten Forschungsarbeit fand eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlicher Unternehmensgröße statt. Dabei kam es immer wieder zu Debatten mit den beteiligten Unternehmen im Hinblick auf eine gesamtgesellschaftliche nachhaltige Entwicklung, bei der wirtschaftliche Akteure eine zentrale Rolle spielen. Beispielsweise wurde angemerkt,

  • dass auch heute noch immer nicht gänzlich geklärt sei, was unter dem Begriff „Nachhaltigkeit“ subsumiert werden kann
  • dass Verbraucher/-innen durchaus nachhaltige Produkte fordern, aber häufig nicht dazu bereit sind höhere Preise zu zahlen,
  • dass staatliche Institutionen die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen müssten, damit sich eine nachhaltigkeitsorientierte Unternehmensentwicklung auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten lohne.

Rückmeldungen solcher Art aus der Zusammenarbeit mit den Unternehmen waren die Grundlage des Projekts „Zukunftsdiskurse: Nachhaltiges Wirtschaften zwischen Gesellschaft, Ökonomie und Bildung“, das an den Ergebnissen aus InnoNE ansetzt und sie weiterentwickelt. Diese Weiterentwicklung bestand vor allem in zwei wichtigen Punkten (vgl. Panschar et al. im Druck):

  • Zentrale Fragen nachhaltigen Wirtschaftens wurden gebündelt, strukturiert und sodann mit Expert(inn)en aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und unternehmerischer Praxis offen diskutiert.
  • Die Diskussionsergebnisse wurden so aufbereitet und analysiert, dass ein Modellentwurf für eine nachhaltige Wirtschaftsordnung entstanden ist. In diesem Modell werden nicht nur die zentralen Akteure und deren Funktion genannt, sondern es werden auch die Wirkmechanismen und Wechselwirkungen aufgezeigt, die eine nachhaltige Wirtschaftsordnung stabilisieren.

Der Modellentwurf kann nicht als Prototyp verstanden werden, der nun nur noch in die Praxis umgesetzt und in Gesetzesvorlagen gegossen werden muss. Vielmehr ist der Modellentwurf als ein Startpunkt für eine Auseinandersetzung zu sehen, in der verschiedenste Perspektiven ineinanderfließen sollen. Die vorliegende Spezialausgabe der bwp@ will einen Beitrag für diese Auseinandersetzung leisten, indem die einzelnen Beiträge das Modell aus berufs- und wirtschaftspädagogischer Perspektive reflektieren.

2 Die Beiträge im Überblick

Im ersten Beitrag zeichnen Andreas Slopinski, Meike Panschar, Florian Berding und Karin Rebmann die Entwicklung des Zukunftsmodells einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung nach. Dabei ermitteln sie Fragen nachhaltigen Wirtschaftens auf drei verschiedenen sozioökonomischen Strukturebenen. Diese Differenzierung schlägt sich im methodischen Vorgehen des transdisziplinären Forschungsprojekts nieder, das sich durch die Veranstaltung dreier sog. Diskursarenen auszeichnet. Der Beitrag rückt sodann die Projektergebnisse in den Fokus und beleuchtet insbesondere berufs- und wirtschaftspädagogische Implikationen des Modellentwurfs.

Harald Hantke nimmt in seinem Beitrag einerseits staatliche Akteure als Lehrplanproduzenten, andererseits Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen als Lehrplanrezipienten in den Blick. Im Zuge einer curricularen Analyse der Rahmenlehrpläne für die Ausbildungsberufe „Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement“ und „Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce“ stellt er fest, dass eine explizite Verankerung des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung in den Lernfeldern kaum vorhanden ist. Eine Berücksichtigung erfährt die Nachhaltigkeitsidee jedoch im grundsätzlichen Bildungsauftrag der Berufsschule und in den berufsbezogenen Vormerkungen. Auf dieser Basis entwickelt er Schlussfolgerungen und Anknüpfungspunkte für eine kritisch-diskursive Lehrplanrezeption.

Verónica Fernández Caruncho, Julia Kastrup und Marie Nölle-Krug arbeiten in ihrem Beitrag die Schwerpunkte der Förderlinie III des BIBB Modellversuchsschwerpunkts „Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung“ in Berufen des Lebensmittelhandwerks und der Lebensmittelindustrie heraus. Die sechs Modellversuche aus dieser Förderlinie erproben unterschiedliche Konzepte zur Beförderung domänenspezifischer nachhaltigkeitsorientierter Kompetenzen. Dabei werden ganz im Sinne transdisziplinärer Forschungszugänge wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Akteure einbezogen. Konkretisiert wird dies von Jörg Hochmuth, Anne Röhrig und Benjamin Apelojg anhand des Modellversuchs NiB-Scout.

Astrid Seltrecht konstatiert, dass auch die Universität als Institution der Ausbildung von Lehrkräften für berufsbildende Schulen gefordert ist, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Dies gilt sowohl für die Lehre wie auch für die Forschung. Inwieweit aber verhält sich Wissenschaft im Forschungsprozess nachhaltig? Und inwieweit ist der Rückbezug auf wissenschaftliche Integrität hierbei hilfreich? Im Beitrag wird anhand des Projekts NachLeben skizziert, vor welchen Herausforderungen wissenschaftliche Forschung steht, wenn sie das Thema Nachhaltigkeit nicht nur als Forschungsgegenstand in den Blick nimmt, sondern auch im Forschungsprozess selbst Kriterien von Nachhaltigkeit zu berücksichtigen versucht.

Claudia Müller und Jens Reißland fokussieren in ihrem Beitrag Ausbilder/-innen als Schlüsselfiguren und Multiplikator/-innen der Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung am Lernort Betrieb. Sie bestimmen maßgeblich die Inhalte der betrieblichen Ausbildungspraxis und deren didaktische Aufbereitung. Eine Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die betriebliche Ausbildung erfordert somit die Bereitschaft der Ausbilder/-innen, das eigene Handeln zu hinterfragen. Folglich bedeutet die Berücksichtigung einer nachhaltigen Entwicklung im Lernort Betrieb eine Herausforderung für die Professionalität und Reflexivität der Ausbilder/-innen sowie ein verändertes Rollenverständnis, wie der Beitrag im Rahmen einer Interviewstudie herausstellt.

Kathrin Holt widmet sich in ihrem Beitrag der Rolle des ausbildenden Personals im Einzelhandel. An der Schnittstelle zwischen Produktion und Konsum kann der Einzelhandel die gesamtgesellschaftliche Transformation in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung mitbestimmen. Dazu benötigt er jedoch kompetente, innovative und motivierte Mitarbeiter/-innen. Hierfür kann und sollte die Berufsausbildung den Grundstein legen. Die Qualifizierung des betrieblichen Ausbildungspersonals nach AEVO nimmt die besonderen Herausforderungen, die eine Integration des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung in die betriebliche Ausbildung bedeutet, kaum in den Blick. Aus diesem Grund werden im Beitrag die entwickelten Konzepte aus den Modellversuchen INEBB und GEKONAWI vor dem Hintergrund einer nachhaltigkeitsorientierten Ausbildung der Ausbilder/-innen beleuchtet.

Die Spezialausgabe der bwp@ schließt mit zwei Interviews. Zunächst wird die Rolle berufsbildender Schulen für eine nachhaltige Entwicklung herausgestellt. Sie sind einerseits Orte der kritischen Auseinandersetzung und der Reflexion und andererseits Orte handlungsorientierten Lernens. Dies geschieht beispielsweise in nachhaltigen Schülergenossenschaften. Im Gespräch mit Petra Jünke berichtet sie über die nachhaltige Schülergenossenschaft „Kauflust“ an den berufsbildenden Schulen Haarentor der Stadt Oldenburg und zeigt an praktischen Beispielen weitere Wege auf, Nachhaltigkeit in den regulären Unterricht und in das Schulleben zu integrieren.

Im Interview mit Björn Schaeper werden vor allem die Wechselwirkungen zwischen politischen Steuerungsmaßnahmen und wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen thematisiert. Hierbei werden globale, europäische und regionale Ansätze und Unterschiede diskutiert. Vor diesem Hintergrund wird aufgezeigt, welche Rolle die Industrie- und Handelskammern für eine nachhaltige Transformation übernehmen können. Sowohl durch spezifische Qualifizierungsmaßnahmen für Auszubildende und informelle Weiterbildungsangebote für Fach- und Führungskräfte als auch durch das Vernetzen von Unternehmen können sie einen Beitrag zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen leisten.

3 Dank

Wir bedanken uns bei allen Autorinnen und Autoren sowie bei den Interviewpartner(inne)n für die interessanten Beiträge und die vielfältigen Perspektive auf das Zukunftsmodell einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung.

Andreas Slopinski, Meike Panschar, Florian Berding und Karin Rebmann
im Mai 2020

Literatur

Berding, F./Slopinski, A./Gebhardt, R./Heubischl, S./Rebmann, K./Schlömer, T. (2017): Die INE-Toolbox – Ein integratives Instrumentarium für nachhaltigkeitsorientiertes Innovationsmanagement und Kompetenzentwicklung im stationären Einzelhandel. In: bwp@, 32, 1-24.

Berding, F./Slopinski, A./Gebhardt, R./Heubischl, S./Kalmutzke, F./Schröder, T./Rebmann, K./Schlömer, T. (2018): Innovationskompetenz für nachhaltiges Wirtschaften und Instrumente ihrer Erfassung. In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 114, H. 1, 47-84.

Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur (2020): Zukunftsdiskurse. Online: https://www.mwk.niedersachsen.de/startseite/forschung/forschungsforderung/forschungsforderung_durch_das_mwk/neue_ausschreibungen_und_laufende_programme/zukunftsdiskurse-155315.html (04.05.2020).

Slopinski, A./Berding, F./Gebhardt, R./Heubischl, S./Rebmann, K./Schlömer, T. (2017): Zur Rolle der Forschenden in der transdisziplinären Modellversuchsforschung am Beispiel von InnoNE. In: bwp@, 33, 1-24.

Panschar, M./Slopinski, A./Berding, F./Rebmann, K.(Hrsg.): Zukunftsmodell: Nachhaltiges Wirtschaften. Bielefeld.

Zitieren des Beitrags

Slopinski, A./Panschar, M./Berding, F./Rebmann, K. (2020): Editorial zum bwp@ Spezial 17: Zukunftsdiskurse – berufs- und wirtschaftspädagogische Reflexionen eines Modells für eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialordnung, hrsg. v. Slopinski, A./Panschar, M./Berding, F./Rebmann, K., 1-5. Online: https://www.bwpat.de/spezial17/editorial_spezial17.pdf (18.5.2020).